HD|M Humanistischer Dialog | München
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Das humanistische Weltbild

 

Während die Begriffe Humanismus, humanitär, humanistisch etc. Hochkonjunktur zu haben scheinen, herrscht besonders im deutschsprachigen Raum Unsicherheit bis Ratlosigkeit bzw. eine erstaunliche Oberflächlichkeit im Umgang mit dem Begriff Humanismus. Erschwerend kommt hinzu, dass alle Ismen einen ideologisch-doktrinären Beigeschmack haben.

Humanität leitet sich aus dem Lateinischen humanitas (gebildete Menschen) über die humanità (Wiederentdeckung und Pflege der alten Sprachen) in der Renaissance und dann die humanité (Menschlichkeit, Rationalität und Wissen) in der französischen Aufklärung her und hat zwei Bedeutungen, nämlich Menschheit und Menschlichkeit. Insofern reflektiert der deutsche Begriff Humanität diese Doppelbedeutung treffender als Humanismus, der eher doktrinär verstanden werden kann. Es wäre wünschenswert, wenn die Menschlichkeit stärker betont würde.

 

Der heute im deutschen Sprachraum weitgehend undifferenziert gebrauchte Begriff Humanismus wurde 1808 von dem protestantischen Bildungspolitiker Friedrich Immanuel Niethammer im Zuge der Humboldt’schen Bildungsreform für die Bezeichnung einer Bildung in den alten Sprachen, Geschichte, Mathematik und Philosophie eingeführt und durchgesetzt. Das humanistische Gymnasium geht darauf zurück. Niethammer benutzte den Begriff Humanismus auch für seine heftige Kritik an der durch die Aufklärung beeinflussten neuen Pädagogik, die er in seinem Buch „Der Streit des Philanthropinismus [Lehre von der Erziehung zur Natürlichkeit, Vernunft und Menschenfreundschaft]  und des Humanismus in der Theorie des Erziehungs-unterrichts unsrer Zeit“ darlegte. Dabei verstand Niethammer die neue Pädagogik mit den Grundsätzen der Menschenliebe, Vernunft, Gleichheit, Natürlichkeit und Glück als Synonym für Animalismus [religiöse Bindung an Tiere] und unterstrich damit den Streitcharakter seiner Schrift.

 

In diesem Zusammenhang sollte man den geschichtlichen Kontext nicht außer Acht lassen. Zu jener Zeit beherrschte Napoleon praktisch ganz Kontinentaleuropa und sein Code Napoléon auf der Grundlage der Errungenschaften der Französischen Revolution und der Menschenrechte sowie die Säkularisation in Verbindung mit einer stringenten Verwaltung waren eingeführt und das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen (1806) abgeschafft. Große Geister wie Goethe und Beethoven zollten den Ideen der Aufklärung und deren Durchsetzung durch Napoléon Beifall, während insbesondere im deutschsprachigen Raum viele mit den neuen Errungenschaften nur schwer umzugehen wussten. Insbesondere der Klerus und Adel mussten auf ihre Deutungshoheiten und Privilegien weitgehend verzichten.

 

Humanität im Sinne der französischen Aufklärung und als Prinzip ist

  • die Autonomie des Menschen in der Gestaltung seines Lebens,

also eigenverantwortlich und unabhängig von Institutionen und überirdischen Gedankenwelten.

 

Humanismus bezeichnet hingegen den

  • Rahmen (Orientierung, Kompass),

an dem sich ein Humanist orientiert, in dem er sich bewegt.

 

Das Substantiv Humanist gilt hier gleichermaßen für alle Menschen und Geschlechter. Humanität und Humanismus werden hier entsprechend ihrer Bedeutung verwendet.

 

Von allen Versuchen, Humanismus im heutigen, säkularen Verständnis zu definieren, scheinen die Kerninhalte der Amsterdamer Erklärung der IHEU (International Humanist and Ethical Union) von 2002 die treffendsten zu sein. Diese kann als der kleinste gemeinsame Nenner aller Humanisten betrachtet werden.

 

Danach ist Humanismus 1. ethisch, 2. rational, 3. bestmögliche und rechtssichere Entwicklung jedes Menschen, 4. Verbindung persönlicher Freiheit mit sozialer Verantwortung, 5. undogmatisch, 6. Förderung von Kunst und Kreativität und 7. eine mögliche Lebenseinstellung für jeden Menschen.

 

Demzufolge formuliert ein Humanist keine absoluten, dogmatischen Wahrheiten, ist tolerant und nicht aggressiv, neugierig und offen für Kritik und kontroversen Dialog, frönt keinerlei Verschwörungstheorie, hat kein unrealistisches Harmoniebedürfnis und ist evolutiv.

 

Humanität umfasst im Wesentlichen:

  • Evolution und Wissen mit allen Erkenntnissen und Konsequenzen,
  • die Autonomie des Menschen in seiner Lebensgestaltung und
  • die Menschenrechte als Regeln für ein Leben in der Gemeinschaft.

Eine immer wieder diskutierte Frage ist, ob Religiosität oder auch Spiritualität zu einer humanistischen Lebensgestaltung passt oder sich geradezu ausschließt. In seiner Autonomie (Selbstbestimmung, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit) steht es in der Eigenverantwortung des Humanisten, sich der Argumente zu bedienen, die er für seine Lebensgestaltung wichtig erachtet. Wenn dazu für ihn auch Religiosität - in welcher Form auch immer - gehört, dann ist das so, ohne dass Religiosität ein zwingendes Merkmal des Humanismus für alle ist. Die Autonomie des Humanisten implodiert allerdings dann, wenn sie durch die Heteronomie [Fremdbestimmtheit] z.B. durch die abrahamitischen Religionen abgewürgt wird. Insofern kann man Religiosität im Humanismus nicht generell ausschließen. Julian Huxley schließt Religiosität als menschengemachte Vorstellung ausdrücklich in den Humanismus mit ein (The Humanist Frame, 1961, Preface), und auch für Ernst Mayr kann Religiosität besonders in Verbindung mit Altruismus ein positiver Beitrag zur Evolution sein (Das ist Evolution, 2001, S.316). Maimonides (1138–1204), meint, dass der ethisch handelnde Mensch das Richtige aus der Natur heraus tut und nicht, weil er Gottes Befehl gehorcht. Die guten Eigenschaften des Menschen würden dann gerade zum Humanismus führen.

 

Das wirft generell die Frage nach einem schärferen Blick auf Religionen auf, zumal alle theistischen Religionen mindestens für ihre Anhänger ein mehr oder weniger ausgeprägtes Gewaltpotential beinhalten. Daher brauchen wir eine Ethik, die sich an alle ohne jeglichen Gewaltanspruch richtet. Ein Humanist kann sicher den Satz des Dalai Lama: „Ethik ist wichtiger als Religion“ unterschreiben, zumal Religion ein menschengemachtes Konstrukt ist, während Ethik intrinsisch mit seiner Evolution verbunden ist.

 

Der Humanist ist nicht nur autonom, er ist auch stets auf sich selbst gestellt. Es gibt keine allgemeinverbindlichen Regeln wie, wann und wo er was zu tun hat. Er ist eigenverantwortlich. Als soziales Wesen sucht er Gesellschaft mit möglichst Gleichgesinnten und der Austausch mit seiner Umwelt bringt ihn auch selbst in seiner Entwicklung weiter. Für ein erfülltes Leben schafft er die Voraussetzungen nur in und durch sich selbst, möglicherweise in einer eher kleineren Gruppe und in sozialer Verantwortung.

 

Humanistische Gedanken bewegen die Menschen weltweit schon immer und weit bevor der Begriff Humanismus im deutschsprachigen Raum eingeführt wurde. Schon 500 Jahre v.u.Z. postulierte Kung Fuzi (Konfuzius, -551 bis -479) Anforderungen an den „guten“ Menschen, die bis heute nichts an Gültigkeit und Aktualität verloren haben. Edel (gut) ist der Mensch dann, wenn er sich in Harmonie mit dem Weltganzen befindet. Heute würde man von einem universalen Denken reden, was nach J. Huxley ein Merkmal des Humanismus ist. Und ganz aktuell: zu dieser Harmonie oder Erfüllung kommt der Mensch durch Bildung. Das ist gerade heute nicht elitär zu verstehen. Wir leben in einer Zeit, in der evidenzbasiertes oder bestätigtes Wissen geradezu explodiert. Darüber müssen wir nachdenken und daraus lernen.

Auch unsere heute so hoch gehaltene „Goldene Regel“ (was Du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu) als Basis aller Ethik stammt nicht von Kant oder aus der Bibel. In der Diktion „Was man selbst nicht wünscht, das tue man anderen nicht an“ stammt sie von Kung Fuzi, wurde dann in der Bibel bei Mt 7,12 als "Alles was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihr ihnen“ umformuliert, um schließlich bei Kant als Kategorischer Imperativ (KI) „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ doch etwas sehr verschnörkelt zu kulminieren. Der KI klingt anspruchsvoll, birgt aber einen Trugschluss. Mit dem KI kam er auch bei seinen Königen an und sogar Diktatoren konnten sich mit ihm nicht nur anfreunden sondern gar nach ihm handeln, wollen Herrscher doch immer, dass ihr Wille Gesetz wird. Der KI birgt seine Pervertierung in sich, wenn er dem persönlichen Willen des Menschen unterworfen ist. Das hatte Kung Fuzi bereits über 2000 Jahren vor Kant erkannt und die Goldene Regel sehr viel einfacher und ohne geistige Rolle rückwärts ausgedrückt. Sicherlich seinerzeit und noch heutzutage ein gelungener Ausdruck eines Verständnisses, das Menschen schon immer hatten oder haben sollten.

 

Der griechische Philosoph und Lehrer Protagoras formulierte ca. -450 kühn: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Damit brachte er sich um Kopf und Kragen, hatte er doch auch noch postuliert, dass man die Existenz der Götter nicht beweisen könne. Er formuliert erstmals in unserem Kulturkreis eine Forderung ebenso wie eine Verpflichtung. Wenn für den Menschen das Menschsein als Maßstab gefordert wird, bedeutet das gleichzeitig die Verpflichtung für den einzelnen Menschen, sich stets am Wohl der Menschen auszurichten. Nach Protagoras darf der Mensch nicht an Göttern oder Herrschern gemessen werden. Es bedurfte noch mehr als 2200 Jahre bis diese menschenbezogene Sicht sich in der Erklärung der Menschenrechte 1789 niederschlug und zur Basis unserer heutigen Demokratie verfestigte.

 

Ein Humanist und Humanität lassen sich nicht in eine bestimmte Kategorie zwängen. Wichtig sind vor allem Eigenverantwortung, Bildung, Wissen und Altruismus. Wer bestätigtes Wissen bewusst ablehnt oder gar bekämpft, riskiert schlussendlich an der eigenen Dummheit zu ersticken.

 

Humanisten sind zwar auffällig oft Individualisten, stehen aber voll im Leben und fühlen sich für ihre Umwelt, die Natur und die Zukunft der Welt verantwortlich. Diese Vielschichtigkeit und Vielfalt in der Menschheit soll in diesem Humanistischen Dialog eine Plattform haben.

 

© Georg Korfmacher, 9/2016

 

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